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Originaltitel: Beautiful Boy
Produktionsland: USA

Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch:
Luke Davies, Felix van Groeningen
Memoiren:
David Sheff  (based on the book „Beautiful Boy“)
Nic Sheff (based on the book „Tweak“)

Darsteller:
Steve Carell: David Sheff, Maura Tierney: Karen Barbour, Timothée Chalamet: Nic Sheff, Jack Dylan Grazer: Nic Sheff (12 yrs old), Oakley Bull: Daisy Sheff, Christian Convery: Jasper Sheff

FSK: 12
Länge: 120 Min.
Produktionsfirma: Amazon Studios
Verleiher: NFP Marketing & Distribution (Germany)

Filmstart in den USA: 30. September 2018
Filmstart in Dtl.: 24. Januar 2019


Der Journalist David Sheff (Steve Carell) führt ein glückliches Leben als Familienvater und Ehemann. Er und seine Frau Vicki (Amy Ryan) könnten mit ihren drei Kindern nicht glücklicher sein. Als sein ältester Sohn Nic süchtig nach Methamphetamin wird, schrillen bei David die Alarmglocken. Dabei kann er kaum fassen, dass so etwas in seiner Familie geschehen ist…


Erzählung erfolgt nicht linear

Zwar beginnt der Plot in der Gegenwart, doch währenddessen gibt es schon Rückblenden in die Zeit, als David seinen 12-jährigen Sohn Nic (Jack Dylan Grazer) am Flughafen verabschiedet. Er reist zu seiner Mutter in einen anderen Ort. Zu diesem Zeitpunkt erfährt man, dass David mit Nics Mutter nicht mehr zusammen ist. Dann geht es zurück in die Gegenwart, wo man Zeuge von Davids Sorgen wird, da Nic (Timothée Chalamet) bereits zwei Tage verschwunden ist. Die Zeitlinie variiert fast den gesamten Film über und gibt Einblicke in Davids und Nics Leben, ohne dabei direkt herauszustellen, wo genau das Problem liegt. Dennoch kann der Zuschauer einiges entdecken. Während in der Vergangenheit die Welt in Ordnung zu sein scheint, sagt die Gegenwart etwas anderes aus.

„Als ich die Erinnerungen von David Sheff, dem Vater, und seinem Sohn Nic 2014 zum ersten Mal las, war ich zutiefst bewegt. David und Nic schrieben von ihren persönlichen Erfahrungen, vom Durchleben all der Rückfälle und der Genesungen, aber auch von Momenten der Freude, der Unschuld und der Liebe zum Leben. Anfangs denken sie noch, dass sie den richtigen Weg gefunden haben, mit Nics Sucht umzugehen, sie gar ‚lösen‘ zu können. Das haben sie aber nicht und müssen schließlich auf dem Weg dorthin viel lernen. Im Laufe der Zeit gibt es immer wieder Momente des Kontrollverlusts, und sie stellen fest, dass sich die Sucht und ihre Folgeerscheinungen auf alle Lebensbereiche auswirken.“, so Regisseur Felix van Groeningen

Gerade diese unterschiedlichen Kontraste machen diesen Film so interessant.        Einen Schuldigen für Nics Drogensucht scheint schwer zu finden zu sein. Die Erlebnisse in seinem Umfeld sind so vielschichtig. dass es vielleicht die Trennung seiner Eltern sein könnte. Oder flüchtet Nic vor irgendwas? Doch auch David scheint mit sich nicht im Einklang zu sein. Jeder könnte auf seiner Weise von etwas abhängig zu sein. Selbst 26 Wochen in einem Entgiftungsprogramm lässt Nic nicht clean bleiben. Dank seiner guten Noten hätte er alle Möglichkeiten ein College zu besuchen. Doch Nic verschwindet erneut.

„Ich hatte schon in Vergangenheit darüber nachgedacht, einen englischsprachigen Film zu machen, aber nichts hat mich persönlich je so angesprochen wie die Geschichte der Sheffs. Familiendynamiken, die Illusion von Kontrolle, der Lauf der Zeit – das sind die Themen, die mich in meinen bisherigen Filmen angezogen haben. Ich hatte mich auch schon in früheren Filmen mit Drogenmissbrauch beschäftigt, aber eine solch emotionale Offenherzigkeit wie in der Geschichte der Sheffs und die Art und Weise, wie sie ihre Geschichte erzählten, haben mich sofort für sie eingenommen. Ihre Familie glaubte immer an die bedingungslose Liebe, und doch musste sie sich damit abfinden, dass es nicht auf alles im Leben einfache Antworten gibt, und dass der Umgang mit Sucht ziemlich unberechenbar sein kann. Ich war zunächst etwas entmutigt von der Vorstellung, diese vielen Jahre und die gesamte Bandbreite ihrer Geschichte abdecken zu müssen, aber gleichzeitig fühlte sich das auch notwendig an. Und ich spürte geradezu eine Verpflichtung, mit meinen Partnern von Plan B viele Jahre meines Lebens darauf zu verwenden, diese Geschichte zu erzählen. Ich hätte nie gedacht, dass es eine so aufregende Reise werden würde.“, so Regisseur Felix van Groeningen weiter.

Doch in seiner Reise erzählt van Groeningen die Geschichte nicht nur aus visuellen Aspekten, sondern beeindruckt auch mit anderen stilistischen Mitteln.

BEAUTIFUL BOY
Vater David (Steve Carell, r.) und Sohn Nic Sheff (Timothée Chalamet, l.) – (c) 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Musik zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Auch wenn sich die Geschichte zum größten Teil aus der Sicht des Vaters zuträgt, wird man dennoch Zeuge, wie einfühlsam die Geschichten beider Protagonisten erzählt wird. Songs wie „Helicon I“  von Mogwai oder John Lennons „Beautiful Boy“ haben ihre ganz eigene Aussagekraft und sind wie auf die Figuren zugeschnitten. Egal ob Pop, Indie, Grunge oder Trip-Hop, zu jeder Situation wurde der passende Song gefunden und versteht sich dennoch nicht als auditive Reise durch die Problematik. Dass die musikalische Untermalung mit teils sphärische Choralklänge dennoch faszinierend wirkt, ist nicht von der Hand zu weisen.  Dank der darstellerischen Leistungen von Steve Carell und Timothée Chalamet wirkt das Geschehen sehr authentisch und drastisch, ohne dabei zu verurteilen oder zu werten. Sucht ist ein Phänomen, vor dem man sich nicht verschließen kann. Egal, ob man dabei von inneren oder äußeren Reizen ausgeht, schwer zu ergründen ist es allemal. Vielleicht wird auch deshalb zum Stilmittel der Literatur gegriffen. F. Scott Fitzgeralds Werk Die Schönen und Verdammten findet ebenso Verwendung wie die Gedichte von Charles Bukowski.

Dass Timothée Chalamet und Steve Carell eindringliche Rollen spielen können, haben sie schon mehrfach bewiesen. S. Carell kannte man zunächst aus Komödien, bis er auch in ernsthaften Filmen wie Foxcatcher (Oscarnominierung als Bester Darsteller) (2014) oder The Big Short (2015) überzeugte. T. Chalamet war sich oftmals nicht zu schade eine Nebenrolle wie etwa in Interstellar (2014) oder Lady Bird (2017) anzunehmen. Seinen entgültigen Durchbruch als Hauptdarsteller schaffte er in dem Drama Call Me By Your Name (2017). In Beautiful Boy bekleidet er erneut den Part als Nebendarsteller und fällt in seiner Performance wegen Steve Carell etwas zurück, da der seine Performance als Hauptdarsteller in vollen Zügen zu nutzen weiß. Dennoch legt Chalamet eine beeindruckende Leistung hin und muss sich längst nicht mehr vor Hollywood-Veteranen verstecken.

Erfolgreiches Produzententeam

Neben Dede Gardner und Jeremy Kleiner gehörte auch Brad Pitt zum Produzentenstab. Schon seit längerer Zeit sammelt er in diesem Bereich viele nützliche Erfahrungen. So mal er mit seiner Firma Plan B Entertainment schon große Erfolge feiern konnte.  Dazu zählt u.a. Departed (2006), The Assassination of Jesse James By the Coward Robert Ford (2007)*, The Tree of Life (2011)*, 12 Years a Slave (2013), Selma (2014), The Big Short (2015), The Lost City of Z (2016) oder If Beale Street Could Talk (2018)

Auch Hauptdarsteller*

Fazit: Die Deutsche Film- und Medienbewertung versah den Film mit dem Prädikat besonders wertvoll. Auch ich teile diese Entscheidung, da der Film schon allein wegen seiner erzählerischen Struktur einen anderen Weg geht als andere Filme. Die unterschiedlichen Stilmittel und zeitlichen Ebenen lösen eine Faszination und Dramaturgie zugleich aus und schaffen es gleichzeitig Irritationen zu vermeiden. So geht man am Ende aus einem Film raus, über den man dank seiner realen Thematik und Geschehnisse durchaus angeregt diskutieren kann. Die vielen Rückblenden verstärken die Intensität des Filmes nur noch mehr und verfehlen ihre Wirkung in keinster Weise. Zwar sieht man hier keine Drogenslums, wie man sie aus anderen Filmen kennt, sondern wird Zeuge davon, dass es auch Wohlstandsghettos gibt, die von außen her sehr perfekt wirken können. Eine Vater-Sohn-Geschichte, die man sich auf jeden Fall mindestens einmal anschauen sollte.

 


Kinofinder zum Film


Andere Blogger, die über den Film geschrieben haben

filmpluskritik.com

kinogucker.wordpress.com


Vielen Dank, dass ihr meinen Artikel gelesen habt. Lasst doch gerne ein Like da, wenn es euch gefallen hat. Ihr habt einen Gedanken zum Text oder Film? Dann postet es mir gerne unten in die Kommentare. Ansonsten ließt man sich im nächsten Artikel. Bis bald…

9 Gedanken zu “Beautiful Boy [2018]

    1. Vielen Dank. 🤗 Nun ja, bei mir in der Stadt läuft er auch nicht. Ich hatte das Glück einen Screener nutzen zu können. Ist wirklich nicht einfach bei den kleinen Filmperlen. Dennoch würde ich in den kleinen Kinos der Stadt Ausschau halten. Eventuell laufen solche Filme später noch mal. In welcher Stadt bist du noch mal wohnhaft?

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      1. In Wuppertal 🙂 war an einem Tag im falschen Kino, daher habe ich stattdessen spontan shoplifters gesehen, aber ich schaue nochmal nach. The favourite läuft leider auch nur so in wenigen Kinos

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