Originaltitel: Vortex
Produktionsland: Frankreich, Belgien

Darsteller: Françoise Lebrun: Elle, Dario Argento: Lui, Alex Lutz: Stéphane. u.v.a.
Regie und Drebuch: Gaspar Noé

Genre: Drama
FSK: 12
Länge: 135 Min.

Musik zu Beginn des Films: Françoise Hardy – „Mon amie la rose“
Produktionsfirma: Rectangle Productions, Wild Bunch International
Verleiher: Rapid Eye Movies

Filmstart in Frankreich: 16. Juli 2021 (Cannes Film Festival)
Filmstart in Dtl.: 28. April 2022


Ein Drama, welches sich einfühlsam, aber auch schonungslos zeigt. Elle und Lui, ein älteres Ehepaar, leben in Frankreich und versuchen sich das Leben in den letzten Jahren angenehm zu gestalten. Aber Lui ist noch beruflich aktiv und ist dabei ein Buch zu schreiben. Trotzdem fühlen sie sich wohl, bis eine heimtückische Krankheit Einzug hält.

Der Splitscreen als besonderes Stilmittel

Stets sind zwei Perspektiven im Blickfeld. ©rapid eye movies

Aber warum erwähne ich dies ausgerechnet in der Absatzüberschrift? Wer nicht nur den Blockbustern, sondern auch Filme wie eben diesen hier schaut, wird bemerken, dass der Splitscreen selten verwendet wird. Als Beispiel sei da ein ganz alter Musikdokumentarfilm namens Elvis On Tour (1972) genannt, der eben auch diese Technik verwendet hat. Und Vortex wirkt dank dieses Stils sehr dokumentarisch als auch lebensnah. Die langen Kameraeinstellungen und Egoperspektiven ergänzen diese Vefahrensweise perfekt und erzählen eine Geschichte, die aus dem wahren Leben gegriffen ist und ein altes Ehepaar um die 80 zeigt, welches den Lebensabend so richtig genießen möchte. Aber das Schicksal macht Elle und Lui einen Strich durch die Rechnung. Gespielt werden sie von Françoise Lebrun (Die Mama und die Hure) und Dario Argento (Suspiria). Und ganz besonders F. Lebrun legt ihre Rolle sehr eindringlich an. In dem Augenblick, wo sie sich verirrt und nach Hause möchte, obwohl sie es schon ist, lassen diese Ängste auch für die Zuschauer spürbar werden. Und in diesen Momenten fängt das Splitscreen-Verfahren ganz besondere Szenen ein, indem das Ehepaar immer im Bild ist und uns teilhaben lässt, was die andere Person im gleichen Moment tut, auch wenn sich die beiden nicht gerade in dem selben Zimmer befinden. Eine Ästhetik, die die Einsamkeit des Paares gekonnt in den Mittelpunkt rückt. Regisseur Gaspar Noé sieht die Realität als Summe der Wahrnehmungen derer, die sie machen. Und setzte sein Vorhaben klug in die Tat um.

Eigene Erfahrungen und Improvisation

„Ich wollte schon seit einigen Jahren einen Film über ältere Menschen machen. Erst bei meinen Großeltern, dann bei meiner Mutter habe ich festgestellt, dass das Alter sehr komplexe Überlebensfragen mit sich bringt. Es entstehen überwältigende Situationen, in denen diejenigen, die einen früher am meisten beschützt haben, wieder in ihre Kindheit zurückkehren. […]

Regisseur Gaspar Noé in einem Interview
Seine Rolle fällt klein, aber intensiv aus: Alex Lutz als Sohn Stéphane ©rapid eye movies

Doch er musste bereits selbst erfahren, wie es ist mit dem Leben zu ringen. Wenn man mit Hirnblutungen zu kämpfen hatte, sieht man das Leben sicher anders, als man es vorher getan hat. Aber der Gedanke zu diesem Film kam Noé schon weit vor diesem gesundheitlichen Zwischenfall. Als dieser dann schlussendlich eingetreten war, machte er sich intensiv über sein Ableben Gedanken. Und welche Folgen er für sein Umfeld haben könnte. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm. Und so konnte seine Rekonvaleszenz folgen. Sein Film Vortex könnte nicht minimalistischer sein, wenn man mal die Spieldauer von 135 Minuten außen vor lässt. Ein 14-seitiger Text als Drehbuch und 25 Drehtage sprechen im Bezug auf die Improvisation eine deutliche Sprache. Und bereits in dieser Zeit erfolgte der Schnitt des Films durch Denis Bedlow und Gaspar Noé. Ganz nach den Regeln der alten (Film)kunst, wenn man so möchte. Schon Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) setzte auf diese Art der Filmfertigstellung. Bis auf wenige Szenen spielt dieses Drama fast komplett in der Wohnung des alten Ehepaares, was uns teilweise die Atmosphäre eines Kammerspiels spüren lässt. Doch Elle und Lui müssen die schwere Zeit nicht alleine durchstehen. Sie erhalten mentale Unterstützung ihres Sohnes Sohn Stéphane, der von Alex Lutz gespielt wird. Regisseur Noé war mit ihm schnell auf einer Wellenlänge, als er erfuhr, dass Lutz für seinen Film Guy (2018) ebenfalls mit einem 10-seitigen Drehbuch gearbeitet hat. Die Rolle von Lutz fällt nicht sehr groß aus, hat aber zum Ende hin eine tiefere Bedeutung, was auch zum Teil an seiner intensiven und nahen Spielweise auszumachen ist. Es die Konfrontation, die auch er bewältigen muss, um am Ende die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Fazit: Ein Independentfilm, wie er im Buche steht. Es sind eben diese geradlinigen Geschichten, die nicht im jeden Kino zu finden sind, aber definitiv eine größere Aufmerksamkeit verdienen. Eine Erzählung über das Vergessen und nicht mehr zurückfinden berührt zu tiefst und zeigt uns nicht nur eine Protagonistin im Mittelpunkt, sondern auch deren Ehemann, der mit Herzproblemen zu kämpfen hat. Eine rundum gelungene Geschichte, die uns die Grausamkeit des späten Lebensabends vor Augen führt und mit einer ästhetischen Melancholie untermalt wird, der man sich nur schwer entziehen kann.


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Quelle Titelbild: ©Rapid Eye Movies


Vielen Dank an Greenhouse PR, die mir das Pressematerial in Form von Szenenbildern und Presseheft zur Verfügung gestellt haben. Eben solches diente als Recherche für die Filmkritik.


Lesenswerte Kritiken meiner Bloggerkollegen

Filmfest Hamburg: „Vortex“ – Kritik zum neuen Film von Gaspar Noé


Vielen Dank, dass ihr meinen Artikel gelesen habt. Lasst doch gerne ein Like da, wenn es euch gefallen hat. Ihr habt einen Gedanken zum Text oder Film? Dann postet es mir gerne unten in die Kommentare. Ansonsten ließt man sich im nächsten Artikel. Bis bald…

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